Dienstag, 25. Juli 2006

Dann sagte al-Mitra: Wir möchten dich nun bitten, über den Tod zu sprechen! Und er sprach:

Ihr möchtet das Geheimnis des Todes kennen. Wie wollt ihr es denn kennen, wenn ihr nicht im Herzen des Lebens danach sucht? Die Eule, deren nachtsehende Augen am Tag blind sind, kann das Geheimnis des Lichtes nicht entschleiern.

Wenn ihr wirklich den Geist des Todes betrachten wollt, so öffnet eure Herzen weit dem Körper des Lebens! Denn Leben und Tod sind eins, so wie Fluß und Meer eins sind.

In der Tiefe eures Hoffens und Wünschens liegt euer stillschweigendes Wissen vom Jenseits. Und dem Samen gleich, der unter dem Schnee träumt, träumt euer Herz vom Frühling. Traut euren Träumen, denn sie zeigen euch das Tor zur Ewigkeit.

Eure Angst vor dem Tod ist nur das Zittern des Hirten, wenn er vor dem König steht, der ihm seine Hand auflegt zum Zeichen der Wertschätzung. Ist dieser Hirte nicht unter seinem Zittern voller Freude über das Zeichen des Königs, das er trägt? Und ist er sich deshalb seines Zitterns weniger bewußt? Was bedeutet Sterben anderes, als nackt im Wind zu stehen und in der Sonne zu schmelzen?
Und was bedeutet das Stocken des Atems anderes als seine Befreiung vom rastlosen Auf und Ab der Gezeiten, um sich zu erheben und zu entfalten und ungehindert Gott zu suchen.

Nur wenn ihr vom Fluß des Schweigens trinkt, werdet ihr wahrhaft singen; er wenn ihr den Berggipfel erklommen habt, werdet ihr anfangen, empor zu steigen. Und erst wenn die Erde eure Glieder zurückgefordert hat, werdet ihr wahrhaft tanzen.

Khalil Gibran, "Der Prophet"

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